Bücherverbrennung

Die Sendung über Bücherverbrennung war ziemlich beeindruckend. Und belehrte mich mal wieder, daß Lesen nicht unbedingt „bessere“ Menschen macht. Deshalb hier noch drei informative Links:
Mehr zur Sendung von Henning Burk.
Nicht gerade ein optisches Meisterwerk, aber sehr informativ: Bücherverbrennung 1933.
Das Deutsche Historische Museum hat dazu auch eine Seite.

Glückwunsch, Helmut

Cover zum Deuticke-Buch Quasi ein Genie - Qualtinger Heute wäre Helmut Qualtinger 75 geworden. Klar, der Standard hat schon vorher kräftig gratuliert. Aber daß die nicht mal bis zum Geburtstag den Link zum prima Qualtinger-Special auf der Startseite stehen lassen können, ist schon beschämend.
Dort findet sich eine ziemlich abgedrehte Würdigung von Alfred Dorfer, „Qualtinger, die Ausnahme der Kunstgeschichte“. Dann ein Gespräch zwischen Michael Kehlmann, der Qualtinger lange kannte, und seinem Sohn, dem Schriftsteller Daniel Kehlmann, über eine lange und nicht immer einfache Freundschaft. Was Menschen unter 30 zu Qualtinger einfällt. Etwas über drei reale Vorbilder des Herrn Karl. Außerdem: Gerhard Bronner und Heinz Werner Schimanko sitzen in der Eden und reden mit Michael Freund. Und dann noch die Ausstellungsbesprechung zur Person und zum Phänomen Helmut Qualtinger im Wien Museum Karlsplatz.* Passend dazu ist beim Deuticke-Verlag auch ein Buch erschienen: „Quasi ein Genie – Helmut Qualtinger“
Immerhin erinnerten auch die FR und die junge welt an Qualtinger.
*Die Seite des Museums zeigt übrigens wunderschöne Photos von Didi Sattmann – so schön, daß ich bei einem nicht wiederstehen kann und es als ausdrückliche Werbung für diesen Photo-Künstler zeigen möchte.

Photo von Didi Sattmann

P.S. Der Standard hat übrigens auch eine aufregende „Diashow“: Sattmann porträtierte Originale und Legenden des Wiener Kunstbetriebs.

Der einzig wahre Hitler-Vorleser

Ich habe ja die diesjährige Aufregung nicht verstanden, als der Juso Mathias Brodkorb auf Rügen vor versammelter Jugend aus Hitlers „Mein Kampf“ vorlesen wollte. Wie ich auch nicht ganz verstehe, warum das Buch bis heute verboten ist. Naja, wenn ich sehe, was für ein Bohei um „Autoren“ wie Bohlen oder Effenberger gemacht wird, könnte ich natürlich noch mal über das allgemeine Leseverständnis nachdenken.

Aber!

Wer einmal Helmut Qualtingers Lesung aus „Mein Kampf“ gehört hat (völlig legal bei Preiser Records erschienen (dort auch ein paar kurze Hörproben), und z.B. bei 2001 bestellbar), wird wohl nur mit Grausen an den GröFaZ und dessen völlig durchgeknallte Idiotie denken können.
Übrigens reiste der türkischstämmige Schauspieler und Regisseur Serdar Somuncu durch Deutschland und trug öffentlich aus Hitlers „Mein Kampf“ vor. Genau aus dem Grund, daß nichts den Hitler’schen Schwachsinn besser entlarvt als der Hitler’sche Schwachsinn. (Das Programm gibt es auch auf CD.) *
So, und da diese Krampferei um Hitlers „Kampf“ länger geworden ist als ich wollte, kriegt das eigentliche Thema einen neuen Eintrag.
*Daß H. M. Broder (MP3, 3.7MB!) in seinem Wochenrückblick das etwas anders sah, habe ich mir ja gedacht. Aber daß er auch Bohlen und Effe als Gegenbeispiel für büchernen Schwachsinn nimmt, habe ich nicht gewollt – ehrlich!

Auf den letzten Drücker – TV-Tip

Heute abend in 3sat (21.15-22.00h), passend zur Büchermesse: „Der Tag, an dem die Bücher brannten“
Im Pressetext heißt es: Über 70 Jahre sind seit dem 10. Mai 1933 vergangen, jenem Tag, an dem in Deutschland Bücher brannten. Der Tag, an dem die Werke von Thomas Mann und Sigmund Freud, von Erich Kästner und Kurt Tucholsky „dem Feuer übergeben wurden“, markiert einen weiteren Höhepunkt in der barbarischen Geschichte des nationalsozialistischen Deutschland. Doch sieben Jahrzehnte später sind Bücherverbrennungen und die Verfolgung missliebiger Gedanken nach wie vor aktuell. Vermeintliche „Feinde des Islam“ werden für ihre Schriften mit dem Tode bedroht. In den USA und Baden-Württemberg wurden Harry-Potter-Bände verbrannt. Grund genug, sich des Tages der NS-Bücherverbrennung, seiner Vorbereitung, seiner Logistik, seiner Unterstützer und seiner Folgen anzunehmen.
Und passend zum Länderschwerpunkt Rußland darf hier noch kurz an Vladimir Sorokin erinnert werden, dessen Buch „Der himmelblaue Speck“ auch vor nicht allzu langer Zeit in Moskau von einer empörten (oder sollte ich sagen: sich gefälligst empörenden) Menge zerfetzt öffentlich wurde. Und auch Salman Rushdie sei nicht vergessen.

An ihren Worten sollt Ihr sie erkennen

Dabei hatte ich mir fest vorgenommen, nichts mehr von den FAZis zu lesen. Pech nur, daß bei einer nicht enden wollenden Wartezeit nur die FAZ rumlungerte.

Ich lern ja nix dazu.


Und so erwischte ich also einen Artikel von Josef Oehrlein über Hugo Chávez. Der bekanntlich „zermürbt mit seinem ‚revolutionären‘ Dauerwahlkampf das Land.“ (J.O.)
Da zählt Oehrlein zwei neue Programme auf, die Chávez angeleiert hat: Zum einen liefert er verbilligtes Öl an Kuba, als Gegenleistung kommen 5.000 kubanische Ärzte u.a. in die Armenviertel (wo sie laut Oehrlein von den Bewohnern erfreut aufgenommen werden).
Zum anderen treibt Chávez die Alphabetisierungskampagne mit Freiwilligen voran. Aber, und das ist natürlich ganz schlimm: Es wird nach einer Methode gearbeitet , die laut Oehrlein unter Fachleuten als eine der wirkungsvollsten gilt, aber aus Kuba kommt. Und das geht ja nun wirklich nicht. Denn, und das ist wohl zumindest jedem FAZisten klar, diese Programme und Chávez‘ Vehemenz legt den Verdacht nahe, daß es Chávez „nicht nur um eine Verbesserung der medizinischen Verorgung und der Bildung geht, sondern auch um einen Zugewinn an Popularität und Wählerstimmen“*. Für Oehrlein gilt die Parole:

‚Lieber ein Bein ab, als einen Präsidenten gut finden!‘


Wenn man weiß, welche schweinische Rolle die kath. Kirche, einige Abgeordnete und Privatmedien beim Putschversuch gegen Chávez gespielt haben, kann ich Oehrleins Satz „Doch dann begann er (Chavez) um so heftigere Attacken und griff Teile des katholischen Klerus an, beschimpfte Richter. Abgeordnete und Medien“ nur noch als dummdreist bezeichnen. Auch mit keinem Wort erwähnt Oehrlein die Versuche Chávez‘, große Teile der Bevölkerung am Öl-Reichtum Venezuelas zu beteiligen, indem er die staatliche (!) Ölgesellschaft aus den Händen einer sich bereichernden Clique riß (Pathos off). Lieber zeichnet er von Chávez noch mal abschließend ein Bild eines Castro-Groupies. Dann kann sich die verehrte LeserInnenschaft ein richtiges Bild machen.

Ich frage mich nach Lektüre, ob Oehrlein noch in den Spiegel schaut.


Ich frage mich, wer dieses Blatt Tag für Tag liest und welche Folgen das hat.

* Was man von einem kleinen Kanzler in Berlin gerade wirklich nicht sagen kann…

Konsuuuuum

Nachdem ich mich gerade mal so einigermaßen von dem neuen, nicht den Namen verdienenden Layout der Frankfurter Rundschau erholt hatte, machte ich nichts ahnend den Umschlag auf, der die neue „lettre“ enthielt.
Okay, es gibt also im Moment eine Typographen- und Layouterverschwörung, die darauf abzielt, grundlegende Dinge wie „Lesbarkeit“ aus der gedruckten Welt verschwinden zu lassen. Akzeptiert. Und will ich mal nicht vergessen, über eine Abokündigung nachzudenken…
Das Gespräch von BORIS GROYS und JOCHEN RACK in Nr. 62 über „Konsum und Kunst. Statistiken des Vergessens, Museen der Erinnerung“ war allerdings im ersten Teil ebenso unerträglich wie die Titelseite. Ausgehend, daß auch Konsumverweigerung Anti-Konsum und somit wieder Konsum sei, schwadroniert Groys, daß „man“ eh nur deshalb konsumiert, weil man dadurch innerhalb der Gesellschaft seine Stellung definieren bzw. Anerkennung erhalten möchte.
Also nicht, weil mir Telemanns „4 deutsche Psalmen“ oder der „City Blues“ der Beginner oder Caspar Broetzmanns „Mute Massaker“ gefallen, höre ich die; lese Arno Schmidt, Steffen Mensching, Robert Misik oder die Bibel nicht zur Bereicherung; sehe „Rivers and Tides“ oder „Herr Schmidt und Herr Friedrich“ nicht aus Interesse; sondern weil ich damit gesellschaftlich voll punkten kann. – Nö, Meister Groys, voll der Irrttum. Dann würde ich wahrlich anderes hören, lesen, sehen. Die für mich aber eher in der Abteilung „Müll“ stehen, und dafür ist mir meine Lebenszeit doch zu kostbar.

Last Minute Radiotip

Gleich!!! (Do., 2.10.03, 20.10-21.00h) im Deutschlandfunk: www.buch.ade? Über den vermeintlichen Niedergang der Lesekultur
Weiah, hoffentlich hat das niemand wegen meines Tips gehört. War ja stebenslangweilig…