Der überflüssige Mensch

Morgen, Sonntag, bringt SWR2 (leider kein Webstream!) von 18:30-20.00 Uhr einen Essay von Thomas Horst:

„Der überflüssige Mensch. Ein negativer Held in der russischen Literatur“
Die Figur des lischnij tschelovek – des »überflüssigen Menschen« – ist aus der russischen Literatur vor allem des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Ihn verkörpert, in je eigentümlicher Gestalt, Puschkins Eugen Onegin, Gontscharovs Oblomov oder Dostojevskijs Raskolnikov. Der Typus repräsentiert ein umstrittenes, oft verfemtes Lebensmodell, das von Passivität und sozialer Isolation, Handlungshemmung und kontemplativer Versonnenheit geprägt ist. In ihm kommt die krisenhafte Reaktion der russischen Gesellschaft auf die »westlichen Ideen«, im Zeichen drohender Modernisierung, zum Ausdruck. Der blasierte Dandy, der entwurzelte Idylliker, der schwermütig Lethargische, der idealistische Raisonneur, endlich der destruktive Nihilist bilden Varianten dieser Selbstdeutung. Es sind nicht zuletzt solche Figuren, die etlichen Werken der russischen Literatur ihr unverwechselbares Kolorit gegeben haben.

Brunch (Geht gar nicht Nr. 2)

BRUNCH
Geht gar nicht. Echt. Idee dazu bei mercedes bunz‘ zitty-Artikel „Meine Armut kotzt mich an“:

Eigentlich ein Niedergang der Cafékultur: Heute bekommt man anstelle von ein wenig Erholung das Gefühl, man befindet sich in einem modernen Arbeitslager. Und am Wochenende folgt dann der Brunchzwang. Das sind Aussichten.

Sancta Simpel usw.

Motivations-, Kommunikations- und Sonstwas-Trainer waren mir immer schon suspekt. Heute habe ich mal wieder etwas gehört, das mich in meinem Vorurteil der Schaumschlägerei bestätigt. Helge Thomas hat in seinem Podcast „Das Abenteuer Verkaufen“ die fünfte Folge im Angebot: „Du bist der Aufschwung“. Besonders schön ist der Punkt „Wie verkauft man ein Land?“ – ja, das trifft es wohl.
Großartig ist sein Schlußschmankerl, bei dem er Verdi & dem Öffentlichen Dienst nahelegt, die schlappen 18 Minunten mal nicht so eng zu sehen, schließlich frage er als Selbständiger auch nicht nach Überstunden. Und vielleicht sägten die ja auch am Ast, auf dem sie sitzen – und nachher kommen die Privaten Unternehmer, die das dann viel billiger machten.
Hoho, da schlottern wir jetzt aber mal kräftig. Aber nur, weil wir überlegen, wie solche Leute, die offensichtlich von keiner Kenntnis getrübt sind, als „Trainer“ auf Arbeitnehmer losgelassen werden.
Das kann natürlich etwas behoben werden. Z.B. mit dieser „Der Tag“-Sendung von hr2: „Das 18-Minuten-Missverstaendnis: wofür streikt Verdi“hier als mp3-Download, 50:09 min., 12.3MB
Da wüßte Helge Thomas dann, daß es z.B. durch verlängerte Arbeitszeit bisher meist zu Stellenabbau kam, besonders im Öffentlichen Bereich. Oder durch verlängerte Arbeitszeiten die Mitarbeiter-Gesundheit gefährdet werden kann. Oder der Öffentliche Dienst in den vergangenen Jahren bereits Einschnitte hingenommen hat. Aber Du bist Deutschland ist eben griffiger, da kommt es auf die Details nicht so an. Hauptsache, wir verkaufen das Land gut – und wenn auch nur für blöd…

Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung.

Nur, weil ich heute das mit Marx und dem Opium für’s Volk wieder einmal falsch zitiert hörte.Falls jemand den letzten Montalban-Roman „Requiem für einen Genießer“ gelesen hat – dort ist der Lenin („Sozialismus und Religion“) wohl auch für einen Marx verkauft worden… Sei hier aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung zitiert:

Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.
Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu finden, wo er seine wahre Wirklichkeit sucht und suchen muß.
Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.
Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.
Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich selbst bewegt.
Es ist also die Aufgabe der Geschichte, nachdem das Jenseits der Wahrheit verschwunden ist, die Wahrheit des Diesseits zu etablieren. Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.

AKüFi

In Dorothea Hahns lesenswertem Artikel über den Versuch de Villepins, in Frankreich Arbeitsverträge mit zweijähriger Probezeit für Jugendliche durchzuboxen, ist jemandem beim Abkürzungstippen wohl langweilig gewesen:

Proteste gegen zwei Jahre Probezeit
(…)
Premierminister Dominique de Villepin nennt sein Gesetz „das sozialste Projekt für junge Leute, das je vorgeschlagen wurde“. Er hat den „Contrat première embauche“ (CPE) im Januar ohne vorherige Konsultation mit Gewerkschaften und UnternehmerInnen
(…)
Die jungen Leute waren in der Mehrheit. Ihre Forderung: „Weg mit dem CEP„.
(…)
Der CEP richtet sich ausschließlich an junge Leute unter 26 Jahren.
(…)
Er argumentiert, der CPE würde zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.
(…)Jener CNEdas stimmt dann aber doch, weil es sich um einen anderen Vertrag handelt
(…)

Beckmann goes Eiserner Vorhang

Nicht, daß ich diese Blubber-Shows sehen würde. Muß ich auch nicht, schließlich gibt es ja das Feuilleton, das aufmuckt, wenn bei den Laberhänseln & -greteln mal was passiert. Und so hörte ich heute bei MDR Figaro (als Podcast hier) etwas über Bürgermeister bei Don Backman. Die Sendung wurde so angetextet:

Sendung vom Montag, 06.02.2006. Der große Bürgermeister-Gipfel
Einerseits müssen sie Volksnähe pflegen, andererseits tragen sie große Verantwortung. Deutschlands Bürgermeister balancieren zwischen Politik und Show. Erstmalig treffen sich jetzt gleich sechs Bürgermeister und Bürgermeisterinnen zum großen Städtetest!
Welche Stadt hat die höchste Kneipendichte? Welche ist Deutschlands Party-Hauptstadt? Wo leben die meisten Singles? Sind Münchener glücklicher als Hamburger? Ist Berlin schmutziger als Köln? Bei „Beckmann“ sprechen Klaus Wowereit, Ole von Beust, Christian Ude, Fritz Schramma, Petra Roth und Bärbel Dieckmann über Mentalitätsunterschiede und Konkurrenzkämpfe – und stellen sich überraschenden Testergebnissen.

Das wirklich überraschende Testergebnis dürfte dabei sein, daß Ostdeutschland nicht stattfindet. Kein Leipzig, Dresden, Halle, Rostock, Schwerin – um nur mal die eigentlich auch im Westen bekannten Städte zu nennen – nüscht. Aber vielleicht hatten die dortigen OBs auch besseres zu tun, als in so eine *?!$%&-Sendung zu kommen? Verständlich wäre es.

Heinz Czechowski

Heinz Czechowski
Der Lyriker, Essayist und Prosaautor Heinz Czechowski hat heute seinen 71. Geburtstag. Schön, daß nun auch endlich seine Biographie „Die Pole der Erinnerung“ vom Grupello-Verlag angekündigt wird (- und noch schöner, wenn der Erscheinungstermin 15.4.06 eingehalten wird, hihi).
Grund genug, ein paar Gedichtauszüge abgetippert zu haben und allen hier Lesenden dringend die Lektüre von Lyrikbänden (insbesondere natürlich Czechowskischer) ans Herz zu legen. Und wenn Czechowski, dann auch gleich noch seine Prosabände, z.B. „Herr Neithardt geht durch die Stadt“, ein Band mit wunderbaren Städeteportraits. Das Buch ist nur noch antiqiuarisch oder aber in der schönen Ausgabe „Der Garten meines Vaters“ aus dem Grupello-Verlag erhältlich, in dem auch weitere Bücher von Czechowski erschienen sind.