Schlamm schlachten

Als ich damals den Bericht von Andrea zu Andreas Veranstaltung „Thor Kunkel liest an Führers Geburtstag im I.G. Farben-Haus“ (Titel von mir!) las, wurde mir mal wieder klar, daß die Generationen nach uns nicht das lernen, was wir gelernt haben. Und daß Menschen, die sich um das kulturelle Leben an einer Uni kümmern wollen, dieses Datum aber nicht präsent haben, läßt mich regelmäßig zu einer Flasche „Lethe Spätlese“ und Brecht greifen.
Andererseits hat ihr Bericht meinen TV-Macher-Ekel mal wieder gesteigert – daß sich die Leute von der „3sat-Kulturzeit“ so benommen haben (sollen), war doch erschütternd.
Gut. Aber was jetzt in Frankfurt abgeht, ist dann doch grauenhaft. Nachzulesen bei Andrea selbst, bei chuzpe, beim rebellmarkt und in der FR.

2 Antworten auf „Schlamm schlachten“

  1. Es gibt da ein sehr dickes Buch von Simon Wiesenthal: „Jeder Tag ein Gedenktag“. Da stehen für jedem Tag im Jahr ein paar ausgewählte Verfolgungen und Morde an Juden drin, ohne auf Vollständigkeit wert legen zu können. Ein paar Namen, Orte und Zahlen aus diesem Buch zu kennen, wäre mir erheblich wichtiger als der Geburtstag eines Täters.
    Man könnte in dieser Datumsfrage auch einwerfen, dass der 20 April aus einem ganz anderen Grund wichtig ist: Am 20. April 1298 begannen in Röttingen die sogenannten „Rindfleischverfolgungen“, die den Anfang derJudenmorde durch Städter und Pöbel markieren, und den Anfang vom Ende der deutschen Juden im Mittelalter markieren. Jedermann bekannt? Nein? Ts ts.
    Was ich damit sagen will: Es geht doch nicht darum an welchem Tag etwas geschieht, sondern darum, WAS getan wird. Wer nicht auf Anhieb sagen kann, was in Piaski geschah (und welches teilautobiografische Buch darauf Bezug nimmt, wenn wir hier schon die bildungsbürgerlichen Canon hochheben wollen), sollte sich gründlich überlegen, mit dem Finger auf andere zu zeigen.
    Und wenn Juden umbringen ein jüdisches Thema wäre, würde ich darüber auch bei Chuzpe schreiben, aber es kann nicht meine Aufgabe sein, anderen zu erklären, was sie von alleine begreifen müssten.

  2. Ja. Natürlich hast Du auch recht. (BTW: Ich hoffe, mein Beitrag wurde so verstanden, daß der AStA einen anner Waffel hat?)
    Nur: Bildungsbürgerlicher Kanon hat damit wenig zu tun, wenn mir ein zeitnahes und jährlich (mehr oder minder) immer noch Aufsehen erregendes Ereignis wie Hitlers Geburtstag (und die immer noch stattfindenden Feiern) als durchaus wissenwürdig erscheint. Und daß das ein „deutsches Datum“ ist. Zudem hatte ich ja auch angemerkt, daß das für mich (m)ein „Generations“problem ist – daß ich immer wieder merke, daß für mich wichtige Daten und Ereignisse denen, die da nach uns kommen, nicht mehr so präsent sind.* Kein Fingerzeigen, sondern – „Trauer“ wäre ein zu starkes Wort. It’s just an old fashioned thing, u no. Und von „jedermann“ schrieb ich auch nicht, sondern von Veranstalterinnen, die solche Veranstaltungen machen.
    (Ähm, und wir haben damals durchaus Frau Seghers‘ ihre Bücher gelesen).
    Deinen letzten Absatz verstehe ich zwar, aber nicht ganz seine Funktion. Die Aufgabe wollte ich Dir jedenfalls nicht aufdrücken.
    Und natürlich können wir auch gern den 20.4. als grandiosen Sieg der Schweizer Nationalmannschaft über die reichsdeutschen Kicker im Jahr 1941 feiern – allerdings dies auch nur unter Vorbehalt. Man lese heute nur das taz-mag über den „geschickten“ Rückfluß von Nazi-Gold in die bundesrepublikanische Wirtschaft. Es ist zum Kotzen.
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    * Und ich zucke zusammen, wenn Leute Handys mit „Jedem das Seine“ und deutsche Keksmischungen mit „Selction“ bewerben. Und schüttele den Kopf, wenn mir jüngere Menschen sagen: ‚Woher soll ich das wissen, ich war da doch noch gar nicht geboren.‘

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